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7.2 Was ist ein phylogenetischer Baum? Struktur und Interpretation

7.2 Was ist ein phylogenetischer Baum? Struktur und Interpretation

Abschnitt betitelt „7.2 Was ist ein phylogenetischer Baum? Struktur und Interpretation“

Nach diesem Abschnitt sollten Sie in der Lage sein:

  • die strukturellen Bestandteile eines phylogenetischen Baums zu beschreiben
  • zwischen verwurzelten und unverwurzelten Bäumen zu unterscheiden
  • interne Knoten als hypothetische Vorfahren zu interpretieren
  • Topologie und Astlängen klar voneinander zu trennen
  • phylogenetische Bäume korrekt zu lesen und typische Fehlinterpretationen zu vermeiden

Im vorherigen Abschnitt haben wir phylogenetische Bäume als Modelle eingeführt, die evolutionäre Beziehungen beschreiben. Nun präzisieren wir diese Darstellung.

Auf einer abstrakten Ebene drückt ein phylogenetischer Baum eine einfache Idee aus: biologische Einheiten entstehen durch einen Prozess der Divergenz aus gemeinsamen Vorfahren. Dieser Prozess führt zu einer verzweigten Struktur, die wir als Baum darstellen. So intuitiv diese Vorstellung ist, ihre korrekte Interpretation erfordert Sorgfalt. Die Bedeutung eines phylogenetischen Baums liegt nicht in seiner grafischen Darstellung, sondern in den Beziehungen, die er kodiert.

Dieses Verständnis ist entscheidend, bevor wir zur algorithmischen Konstruktion von Bäumen übergehen.


Ein phylogenetischer Baum besteht aus Knoten, die durch Äste miteinander verbunden sind. Beide Elemente tragen eine spezifische Bedeutung.

Die terminalen Knoten, häufig als Blätter bezeichnet, entsprechen den beobachteten Einheiten. Dies können Arten, Gene oder Sequenzen sein. Sie repräsentieren die Daten, von denen wir ausgehen.

Die internen Knoten hingegen sind nicht direkt beobachtbar. Sie stehen für hypothetische gemeinsame Vorfahren, aus denen sich die nachfolgenden Linien entwickelt haben. Ihre Existenz wird nicht gemessen, sondern aus den Daten erschlossen, weil sie eine konsistente Erklärung für beobachtete Ähnlichkeiten liefern .

Die Äste verbinden Knoten und repräsentieren evolutionäre Linien. Eine Bewegung entlang eines Astes entspricht je nach Modell der verstrichenen Zeit oder der Akkumulation von Veränderungen.


Die wichtigste Eigenschaft eines phylogenetischen Baums ist seine Topologie, also das Muster der Verzweigungen.

Die Topologie bestimmt, welche Taxa einen gemeinsamen Vorfahren teilen und wie eng diese Verwandtschaft ist. Zwei Sequenzen gelten als eng verwandt, wenn sie sich in einem gemeinsamen, relativ jungen Knoten treffen.

Ein entscheidender Punkt ist, dass die Topologie unabhängig von der grafischen Darstellung ist. Äste können um interne Knoten rotiert werden, ohne dass sich die zugrunde liegenden Beziehungen ändern. Die Reihenfolge der Blätter von links nach rechts hat daher keine inhaltliche Bedeutung.

Was zählt, ist nicht die visuelle Nähe, sondern die Struktur der gemeinsamen Abstammung.


Phylogenetische Bäume lassen sich in verwurzelte und unverwurzelte Bäume unterscheiden, und diese Unterscheidung ist für ihre Interpretation grundlegend.

Ein verwurzelter Baum besitzt einen ausgezeichneten Wurzelknoten, der den letzten gemeinsamen Vorfahren aller betrachteten Taxa repräsentiert. Die Wurzel führt eine zeitliche Richtung ein, von der Vergangenheit in die Gegenwart, und erlaubt es, die Reihenfolge von Aufspaltungen zu interpretieren.

Ein unverwurzelter Baum hingegen beschreibt lediglich Verwandtschaftsbeziehungen, ohne eine zeitliche Richtung festzulegen. Er gibt an, welche Taxa näher miteinander verwandt sind, lässt aber offen, welche Linie sich zuerst abgespalten hat .

Viele Rekonstruktionsmethoden liefern zunächst unverwurzelte Bäume. Zusätzliche Informationen oder Annahmen sind erforderlich, um eine Wurzel festzulegen.


In manchen phylogenetischen Bäumen tragen die Astlängen quantitative Information, in anderen nicht.

Wenn Astlängen sinnvoll definiert sind, repräsentieren sie typischerweise evolutionäre Distanz, etwa die erwartete Anzahl von Substitutionen entlang eines Astes. Die Distanz zwischen zwei Taxa ergibt sich dann als Summe der Astlängen entlang des verbindenden Pfades.

In anderen Fällen dienen die Astlängen lediglich der Darstellung, ohne inhaltliche Bedeutung. Es ist daher entscheidend, zwischen der Struktur des Baums und der Interpretation seiner Astlängen zu unterscheiden.

Eine häufige Fehlinterpretation besteht darin, längere Äste automatisch als größere evolutionäre Distanz zu verstehen. Dies ist nur dann korrekt, wenn die Astlängen entsprechend skaliert sind.


Nicht alle phylogenetischen Bäume sind vollständig aufgelöst.

In einem vollständig aufgelösten Baum verzweigt sich jeder interne Knoten in genau zwei Nachfolger. Dies entspricht einer klaren Hypothese über die Reihenfolge von Divergenzereignissen.

Es ist jedoch möglich, dass ein Knoten mehr als zwei Nachfolger besitzt. Eine solche Struktur wird als Polytomie bezeichnet. Sie zeigt an, dass die verfügbaren Daten nicht ausreichen, um die Beziehungen eindeutig aufzulösen.

Polytomien sind daher nicht nur grafische Besonderheiten, sondern Ausdruck von Unsicherheit in der Rekonstruktion.


Phylogenetische Bäume ermöglichen es, biologisch sinnvolle Gruppen zu definieren.

Eine monophyletische Gruppe umfasst einen gemeinsamen Vorfahren und alle seine Nachkommen. Solche Gruppen entsprechen natürlichen evolutionären Einheiten.

Eine paraphyletische Gruppe hingegen enthält zwar einen gemeinsamen Vorfahren, schließt jedoch nicht alle Nachkommen ein. Solche Gruppen entstehen häufig aus historischen Klassifikationen, die nicht vollständig mit evolutionären Beziehungen übereinstimmen .

Diese Unterscheidung ist zentral für die korrekte biologische Interpretation von Bäumen.


Da phylogenetische Bäume visuell dargestellt werden, kommt es häufig zu Fehlinterpretationen.

Eine verbreitete Annahme ist, dass räumlich nahe angeordnete Taxa eng verwandt seien. Wie bereits erläutert, ist dies nicht zwangsläufig der Fall. Entscheidend ist allein die Topologie.

Ebenso werden interne Knoten manchmal als direkt beobachtete Einheiten missverstanden. Tatsächlich repräsentieren sie hypothetische Vorfahren, die aus den Daten erschlossen werden.

Schließlich ist zu beachten, dass ein Baum stets nur eine mögliche Erklärung darstellt. Insbesondere bei begrenzten Daten können alternative Bäume die Beobachtungen ebenso gut erklären.


Ein phylogenetischer Baum ist eine strukturierte Darstellung evolutionärer Beziehungen. Seine Bedeutung liegt in der Topologie und, sofern vorhanden, in den Astlängen. Er stellt Hypothesen über gemeinsame Abstammung dar, keine direkten Beobachtungen.

Ein korrektes Verständnis dieser Struktur ist Voraussetzung sowohl für die Konstruktion als auch für die Interpretation phylogenetischer Modelle.


  1. Welche Bedeutung haben interne Knoten in einem phylogenetischen Baum?
  2. Warum ist die links-rechts-Anordnung der Blätter nicht relevant?
  3. Worin unterscheiden sich verwurzelte und unverwurzelte Bäume?
  4. Wie sollten Astlängen interpretiert werden?
  5. Was zeigt eine Polytomie an?
  6. Worin besteht der Unterschied zwischen monophyletischen und paraphyletischen Gruppen?